Frau Bosch, die gelbe Sonnenblume auf grünem Hintergrund fällt am Flughafen München immer häufiger auf. Was steckt hinter der Sunflower-Initiative?
Lena Bosch: Die Sonnenblume ist ein international anerkanntes Symbol für Menschen mit nicht sichtbaren Einschränkungen. Dazu gehören beispielsweise Autismus, ADHS, Angststörungen oder chronische Erkrankungen. Viele dieser Herausforderungen sind von außen nicht erkennbar, können das Reisen aber deutlich erschweren.
Flughäfen sind komplexe Orte mit vielen Eindrücken, Zeitdruck und wechselnden Situationen. Mit dem Sunflower-Lanyard, dem grünen Schlüsselband mit der Sonnenblume, signalisieren betroffene Passagier:innen einfach und diskret: Ich brauche vielleicht etwas mehr Unterstützung oder Verständnis. Für uns als Flughafen ist das Programm ein wichtiger Baustein, um Reisen für möglichst viele Menschen zu ermöglichen, es angenehmer und barriereärmer zu gestalten.
Welche Unterstützung erhalten Fluggäste konkret?
Reisende tragen freiwillig das Sunflower-Lanyard, um auf ihre spezifischen Bedürfnisse aufmerksam zu machen, ohne ihre Situation immer wieder erklären oder Details preisgeben zu müssen. Das Flughafenpersonal im Terminal erkennt das Symbol und weiß, wie es angemessen und geduldig unterstützen kann – ob im Terminaldienst, beim Check-in, an den Sicherheits- und Passkontrollen oder beim Boarding. Es bietet unkompliziert Hilfe an, beantwortet Fragen oder nimmt sich einfach die Zeit, die jemand gerade benötigt. Im Terminal 2 ist die inklusive Sicherheitskontrollstelle jetzt ausdrücklich auch für Sunflower-Passagier:innen ausgewiesen. Die Umgebung ist großzügiger gestaltet, geräuschgedämpft und die Mitarbeitenden begleiten die Reisenden, falls nötig.
Es geht also darum, Sicherheit zu vermitteln?
Genau. Oft kann allein das Wissen, bei Bedarf Unterstützung zu bekommen, unheimlich entlasten, wie uns viele Passagier:innen rückmelden. Wichtig ist noch zu wissen, dass Reisende, die das Symbol tragen, nicht durch den Mobility Service betreut werden wie Reisende mit eingeschränkter Mobilität. Zudem besteht kein Anspruch auf prozessuale Vorteile, wie beispielsweise Zugang zum Fast-Track. Die Lanyards sind an verschiedenen Stellen am Flughafen kostenlos erhältlich, etwa an den Infoschaltern im Terminal 1 und 2, den Mobility Service Points und neu auch im Besucherpark.
Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit der Sunflower-Initiative gesammelt?
Die Resonanz ist ausgesprochen positiv. Täglich werden etwa zehn neue Lanyards ausgegeben, die Nachfrage steigt kontinuierlich. Das Sunflower-Programm gibt Betroffenen das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden – wofür sich viele ausdrücklich bedanken. Dieses Feedback berührt mich sehr. Auch intern erfahren wir viel Unterstützung, das ganze Team im Terminal nimmt das Thema sehr engagiert auf. Darüber hinaus erreichen uns mittlerweile auch externe Anfragen wie von der Stadt München und dem Olympiapark, die sich mit uns austauschen möchten.
Was liegt Ihnen besonders am Herzen?
Für mich ist die Sonnenblume ein Symbol für Verständnis, Rücksichtnahme und Menschlichkeit. Sie erinnert uns daran, dass wir nie wissen, welche Geschichte ein Mensch gerade mit sich trägt oder welche Herausforderung ihn begleitet. Genau diese Haltung möchte ich fördern: aufmerksam sein, respektvoll miteinander umgehen und Menschen nicht vorschnell beurteilen. Wenn das Sunflower-Programm dazu beiträgt, dass sich Reisende am Flughafen München besser aufgehoben fühlen, haben wir bereits viel erreicht.
Vielen Dank für das interessante Gespräch und die wertvollen Einblicke.