Herr Morasch, stellen Sie sich vor, es ist 1955 und Sie sitzen auf einem Fensterplatz in der Super Constellation, beim ersten Linienflug der Lufthansa über den Atlantik. Wie hätten Sie diesen Meilenstein erlebt?
Florian Morasch: Natürlich wäre mir die Geschichte der Atlantikflüge durch den Kopf gegangen und wie die Fliegerei diesen Ozean erst mühsam bezwingen musste – untrennbar verbunden mit Namen wie John Alcock und Arthur Brown, Charles Lindbergh oder der Besatzung der "Bremen", Hermann Köhl, Freiherr von Hünefeld und Major Fitzmaurice. Von Letzteren erzählte mir mein Opa: 1928 hatte er als 14-jähriger deren ersten Flug über den Atlantik von Ost nach West, von Irland nach Neufundland, mitverfolgt, in 36 Stunden gegen Sturm, Nacht und Nebel. Die Namen dieser Pioniere kennt heute fast niemand mehr, viele mussten ihren Wagemut mit dem Leben bezahlen. 1938 flog eine deutsche Focke-Wulf Fw 200 der Lufthansa in über 24 Stunden nonstop von Berlin nach New York. Die Super Constellation benötigte in den fünfziger Jahren 17 Stunden – und heute fliegt man in neun Stunden zweistrahlig über den Teich. Faszinierend, oder?
Sie haben den Anstoß für die Restaurierung gegeben. Wie kam es dazu?
Kurz vor Corona mussten wir uns Gedanken über die Erneuerung der Treppen an der Maschine machen. Während der Pandemie, alle Projekte lagen auf Eis, war die "Super Connie" dann geschlossen. Heuer haben wir gemeinsam mit Lufthansa größere Instandhaltungsmaßnahmen begonnen, denn 50 Jahre im Freien stehen, bei jeder Witterung, am mittlerweile dritten Flughafen – das hat dem alten Flugzeug nicht gutgetan, Stichwort Korrosion. Bei genauerem Hinsehen entdeckten wir viele sichtbare Schäden wie etwa getrübte Fenster. Zum Glück hat das Flugzeug keinen Schaden an seiner Struktur genommen, das hätte sein Ende bedeutet.
Wie ist der aktuelle Stand?
Eine erste Begutachtung übernahm die renommierte Restaurierungswerkstatt des Deutschen Museums in Oberschleißheim. Dann kontaktierten wir die Experten von Lufthansa Technik hier am Standort, die sich für das Projekt begeistern ließen und federführend mit ihrer Expertise tätig wurden: Sie entfernten Korrosion, ersetzten einige Bauteile außen am Rumpf, an den Flügeln, Fahrwerken und am Leitwerk. Limitierender Faktor ist aktuell das Wetter, wir haben die Maschine nun eingewintert. Nach dem Winter wird sie in den historischen Farben der Lufthansa aus den fünfziger Jahren neu lackiert. Zudem steht die Kabine an, werden Innenverkleidungen, Boden und Sitze neu bezogen.
Was waren bislang die größten Herausforderungen bei den Arbeiten?
Man weiß nie, welche Überraschung sich hinter der nächsten Abdeckung verbirgt und wie lang alles dauert. Wie sagte ein Techniker so schön: "Du machst einen Deckel auf und kannst gleich vier Monate draufrechnen." Die Struktur im Rumpf hat durch die Transporte und Verkranungen ziemlich gelitten. Dazu fehlten stabilisierende Bauteile im unteren Rumpf, die herausgeschnitten worden waren – von wem und warum werden wir nie erfahren. Neu für mich war, dass wir im Besucherpark Seeklima haben: Von der Schnellstraße Richtung Terminals, die direkt bei uns vorbeiführt, weht im Winter permanent Salznebel über die historischen Flieger. Und der schädigt die Maschinen natürlich.
Wie restauriert man ein Flugzeug aus den 1950er Jahren? Braucht es spezielle technische Kenntnisse?
Definitiv. Hier ist das ganze Können der Metallflugzeugbauer von Lufthansa gefragt. Oft mussten sie kreative Lösungen finden, denn Ersatzteile sind fast nicht zu bekommen. Beispielsweise waren die Bleche am Übergang zwischen Flügeln und Motoren doppelt sphärisch geformt, also in zwei Richtungen gekrümmt. Heute gibt es nahezu keine Firma mehr, die so etwas herstellen kann. In vielen Fällen fanden die Techniker eine pragmatische optische Alternative. Wie akribisch sie arbeiten, zeigten sie auch beim Einbau neuer Cockpitscheiben – jede musste mit 60 Schrauben im Rahmen fixiert werden. Als alle fertig montiert waren, hatte das Flugzeug endlich wieder sein Gesicht. Am Ende geht es darum, dass die Maschine wieder begehbar wird.
Warum lohnt sich dieser Aufwand für ein Flugzeug, das nie wieder fliegen wird?
Die Super Constellation gehört zum Besucherpark und zum Flughafen wie der Tower, der Besucherhügel oder das Airbräu. Unzählige Male mussten wir die Frage schon beantworten, wann der Flieger wieder betretbar ist. Wir wollen dieses historische Kulturgut bei uns unbedingt erhalten – schließlich gibt es von der Maschine in Europa nur zwei weitere in Museen. Heutzutage ist das Fliegen für die meisten Menschen zur Selbstverständlichkeit geworden. Leider kümmert es viele nur noch, warum ihr Flug Verspätung hat oder wo der Koffer bleibt. Dabei geht es beim Fliegen um einen Traum, den die Menschheit sich selbst verwirklicht hat – das ist ein Privileg und eben nicht selbstverständlich! Für dieses Gefühl, diese Sehnsucht steht die "Super Connie".
Worauf dürfen sich Besucherparkfans künftig freuen, wenn die "Super Connie" in neuem Glanz erstrahlt?
Natürlich machen wir uns jetzt schon Gedanken über ein Ausstellungskonzept, wenn der Flieger fertig restauriert ist. Ohne zu viel zu verraten, da wird kommendes Jahr im Besucherpark einiges passieren.